Montag, 11. Februar 2013

Bücher, Bücher

Büchermarkt in Zeilitzheim

Beitrag von Marina von Halem:

Seit einiger Zeit treffe ich mich einmal die Woche mit Bernd Schmidtchen, dem Vorsitzenden unseres Förderkreises, und einigen anderen ehrenamtlichen Förderkreismitgliedern in unserem antiquarischen Büchermarkt. Wir sortieren die vorhandenen Bücher, entfernen Dubletten oder unansehnliche Bücher der uns einmal gespendeten Bücher, um Platz zu schaffen für neue. Zweimal im Jahr werden sie zum Verkauf angeboten: beim Ostermarkt und beim Weihnachtsmarkt.

Ich "wirke" in der Abteilung Literatur. So vieles mir Bekanntes geht durch meine Hände, und anderes, dessen "Wert" mir zweifelhaft erscheint; Bücher, die aber dennoch gerne gelesen werden (wurde mir versichert). Etliche Bücher, die hier doppelt und dreifach zu finden sind, stelle ich in unsere Gästezimmer, in denen Gäste ja keinen Fernsehapparat vorfinden, in der Erwartung, dass sie hier und da einmal in ein Buch hineinschauen.

Jetzt, bei dieser Tätigkeit, sind Bücher für mich bzw. für meine Aufgabe eine Mischung von bekanntem Inhalt, Materie und Kommerz (denn wir verkaufen sie ja bei den Märkten wieder). Ich bin sonst gewohnt, Büchern, die mich privat umgeben, einen ganz hohen Stellenwert zu geben. Ich schaue in meine Regale und sehe die Entwicklung meiner Persönlichkeit vor mir, die Themen, die mich ein mal berührten und es meist noch immer tun. Ich setze natürlich da Bücher mit Literatur gleich. Literatur ist nicht dazu da, Berufskarrieren zu begründen, Gartenbau zu lernen oder Kochrezepte vorgestellt zu bekommen (na gut; schön, wenn man lesen kann und von solchen Büchern guten Gebrauch machen kann). Literatur ist auch keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Gegenwirklichkeit, eine "eigentliche" Wirklichkeit, wie manche sagen.

Iris Radisch (DIE Zeit, 11.12.2003 - Link siehe unten) schreibt:

"Gute Bücher erklären und öffnen uns die Welt, wie niemand sonst es vermag. Sie schärfen unseren Möglichkeitssinn, verfeinern unser Gehör, bilden unseren Geschmack. Sie zerreißen den Panzer aus Konvention und Banalität, der uns umgibt. Gut geschrieben ist immer auch gut gedacht: Niemand, der heute Tolstoj gelesen hat, wird sich morgen mit den Phrasen eines sprachdebilen Medienkapitalismus abspeisen lassen. … Lesend können wir die Welt erkennen. Die andere Welt, die, in der nicht alle Zeiger auf Geld gestellt sind. Und das ist - obwohl die meisten guten Bücher schlecht ausgehen - ein großes Glück. Nimm und lies!"


Seit Jahren leite ich einen Literatur-Gesprächskreis an der Volkshochschule im nahegelegenen Volkach. Wir lesen, wir sprechen, wir atmen die Luft von Welten, die uns die Literatur erschließt. Soeben lasen wir Kurzgeschichten der Kanadierin Alice Munro. Diese Geschichten gehen fast alle schlecht aus: Ganz leise schleicht sich die Katastrophe ein. Und wir können nicht sagen: "Wie gut, dass es uns nicht betrifft". Es betrifft uns, wenn wir sehr ehrlich sind. Es betrifft die Menschen, die uns umgeben. Es stammt aus unserer Gegenwart.

So arbeite ich also in zwei Richtungen: einmal sortiere ich in unserem großen Saal des Gasthauses "Zur Sonne", derzeit Bücherladen, Bücher aus (ich will nicht sagen, dass ich sie entsorge), und auf der anderen Seite suche ich im Internet oder dem Feuilleton großer Zeitungen Literatur, zeitgenössische möglichst, die sich für unseren Literaturkreis eignen würde. Spannend. Ich liebe es.

Das könnte Dich auch interessieren:



Artikel Iris Radisch - DIE ZEIT 11.12.2003: http://www.zeit.de/2003/51/01__Leiter_2

Loslassen lernen (Blogartikel vom 14.11.11): http://zeilitzheim.blogspot.de/2011/11/loslassen-lernen.html