Sonntag, 30. Dezember 2012

Jahresrückblick 2012

Emilio
 
Rückblicke verankern, helfen beim Weg in die Zukunft. So habe ich in den vergangenen drei Jahren jeweils am Jahresende einen Blogartikel dem fast vergangenen Jahr gewidmet. Das möchte ich auch heuer tun.
 
Am schönsten ist es doch immer die Familie wachsen zu sehen (keine Angst: Es werden nicht mehr Familienmitglieder. Nur die Erlebnisse lassen uns wachsen). So wurde Katharina im September in Zeilitzheim eingeschult als einzige Zeilitzheimer Schülerin des Jahrgangs. Isa ist im Kindergarten in Stammheim nun Vorschülerin und geniesst ihre neue Rolle - ohne schwesterliche "Aufsicht" - sehr. Sie ist eine geborene Anführerin mit jeder Menge Mumm und frischen Ideen. Auch Katharina wächst mit der neuen Herausforderung. Sie lernt begierig, was zu lernen ist, auch wenn Hausaufgaben meist erst im zweiten Versuch gelingen wollen. Sie geht schließlich sehr nach ihrem Vater…
 
Das andere Kind, das uns nun schon ein ganzes Jahr beschäftigt, ist das Weingut. Die viele und sehr befriedigende Handarbeit im Weinberg wurde im September und Oktober mit einer fulminanten Weinlese belohnt. Die Weine reifen nun im Keller und versprechen schon Großes. Im Mai werden diese dann der Weltöffentlichkeit präsentiert (einer kleinen Weltöffentlichkeit, denn mit 1,4 ha. Rebfläche lässt sich die Weltbevölkerung noch nicht versorgen, aber im kommenden Jahr sind es ja schon 2 ha.).
 
Auch 2012 durfte ich wieder einige Barcamps und Konferenzen besuchen. Zum Tourismuscamp in Eichstätt kam erstmals auch das DestinationCamp in Hamburg hinzu, für das ich mich für 2013 schon wieder angemeldet habe. Über das online Netzwerken durfte ich bei Vorträgen im Jahre 2012 Realschüler und Zahnärzte aufklären. Fortsetzungen dieser Aktivitäten sind bereits geplant.
 
Der Höhepunkt des Jahres 2012 war ganz gewiss meine etwa zehntägige Reise nach China, wo ich mit befreundeten Gästeführern und der Fränkischen Weinkönigin den Frankenwein auf einer großen Wein- und Spirituosenmesse repräsentieren durfte. Ich hatte ja ausführlich darüber hier im Blog berichtet und jede Menge Fotos bei Flickr hochgeladen.
 
Medial bekamen wir im nun fast vergangenen Jahr Aufmerksamkeit u.a. in der BILD am Sonntag (!), im evangelischen Sonntagsblatt, einer Radiosendung des BR2 und einer Hundezeitschrift. 
 
Unser Podcast Schweinfurtundso feierte mit der 68. Folge seinen zweijährigen Geburtstag. Eine Zusammenfassung des 2. Sendungsjahres hatte ich ja auch schon hier im Blog veröffentlicht. 
 
Besonders gerne blicke ich auch auf die arbeitsreiche Woche von "Baukes Schlossliebe" zurück und auf das Buchsheckenschneiden, das mir zu manch Stunde Hörbuchhören verhalf.
 
2013 wird in vielen Teilen ganz sicherlich "more of the same" werden, denn der Buchs geht uns nicht aus und auch die Rebflächen werden mehr. Hinzu kommt jedoch die Vermarktung des Weines. Wobei ich mir noch gar nicht sicher bin, ob ich ihn überhaupt her geben möchte...

Samstag, 15. Dezember 2012

Erst Kapelle, dann Kilianssaal, nun Petrinisaal

Petrinisaal
 
Im Juni schrieb ich im ganz unten verlinkten Artikel über unsere Grübeleien unseren meist als Frühstücksraum genutzten und intern als "Kapelle" bezeichneten Saal neben dem Jagdsaal (beides waren früher vorübergehend Teile der Zeilitzheimer katholischen Pfarrkirche) einen neuen Namen zu geben. 
 
Ihr, liebe Blogleserinnen, habt uns dankenswerterweise zahlreiche Vorschläge zur Umbenennung gemacht. Wir einigten uns intern vorerst auf die Umbenennung in "Kilianssaal". Allerdings konnten wir uns nach anfänglicher Euphorie wohl doch nicht so recht damit anfreunden. Zu gering erschien uns der persönliche Bezug bzw. der Bezug zum Schloss. Einen heute wie ursprünglich weltlich genutzten Raum wegen der vorübergehenden Nutzung als Erweiterungsanbau eines provisorischen katholischen Kirchensaales nach einem in Würzburg aktiven irischen Missionar zu benennen… irgendwie passte da etwas nicht.
 
Sehr wohl etwas mit der Baugeschichte zu tun hat der Baumeister Antonio Petrini. Zu ihm lässt sich im Schloss oder in diesem nun nach ihm benannten kleinen Saal so einiges erzählen (siehe auch den unten verlinkten Blogartikel). Das neue Schild, das am Eingang des Saales hängt, ist nun auch schon fertig und der Namenswechsel nun komplett: Petrinisaal.
 
Der Name Petrini soll im kommenden Jahr wohl auch noch weitere Bedeutung im Schloss bekommen. Aber dazu wird jetzt noch nicht mehr verraten.
 

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Donnerstag, 6. Dezember 2012

Mein Bruder Fritz und ich

Kindheitserinnerungen von Marina von Halem

Drei Ölgemälde, gemalt im Kriegsjahr 1944, befinden sich in meinem Besitz. Es sind die Kinderportraits meiner beiden Geschwister und mir. Sie sind mir sehr lieb und sehr wertvoll aus  verschiedenen Gründen. Einer ist, daß das Ölbild meiner Schwester Karin, geboren 1932 und gemalt von dem Berliner Maler Höhl, von meiner Mutter vor der Flucht aus Schlesien im Januar 1945 aus dem Rahmen genommen und mit auf den Treck genommen wurde. Die beiden Portraits von meinem Bruder Fritz und mir, gemalt auf Holz, ließ sie aus Gründen des Gewichts und des Umfangs in Plohe, unserem Heimatort in Schlesien, zurück. Sie wurden uns 1947, nach der Vertreibung der Deutschen durch die Polen, von unserer ehemaligen Köchin Marthel mit  den wenigen Dingen, die sie mitnehmen durfte, als etwas Wertvolles (was sie für uns waren), nach Westdeutschland gebracht.

A. Höhl, ein Berliner Maler, war vor den Bombardierungen auf Berlin 1944 zu uns nach Schlesien gekommen und von meinen Eltern beauftragt, meine älteste Schwester zu malen. Aus Dankbarkeit, daß er wohl aufgenommen war, malte er danach noch meinen Bruder und mich. Ich erinnere mich ziemlich genau an ihn. Kein Wunder: man mußte ihm Modell sitzen (unendlilch lange, wie ich als siebenjährige empfand), aber in der Zeit erzählte er wunderbare Geschichten. Von Zigeunern in ihren Zigeunerwagen; daß sie in Lehm eingepackte Igel im Holzkohlenfeuer backten und aßen und nicht seßhaft waren wie wir und nicht gerne feste Arbeiten übernahmen und gelegentlich Hühner und kleinere Gegenstände mitnahmen, und daß sie wunderbar Geige spielten und mit Pferden umgehen konnten, und so vieles mehr.

Über meinem Schreibtisch hier in Zeilitzheim hängen die beiden Portraits von Fritz und mir. Bis zum Tod meiner Mutter waren sie natürlich in ihrer Wohnung. Ich liebe die schönen, braunen, verträumten Augen meines damals neunjährigen Bruders, den ich innig liebe und mit dem ich mich als Kind herzzerreißend gestritten habe - wie gute Geschwister eben. Hatte er mich massakriert und ich heulte wie am Spieß, bekniete er mich; "Heul doch nicht! Heul doch nicht!", wohl wissend, dass die Jüngere, Heulende meist alles Mitleid (und er die Schimpfe) der Erwachsenen bekam. Wir teilten ein Kinderzimmer. Am Samstag wurde gebadet und es gab Grießbrei im Kinderzimmer, wenn Gäste erwartet wurden. Onkel Adolf Rohde, immer unter den Gästen, versäumte nie, zu uns ins Kinderzimmer zu Besuch zu kommen. Keine Ahnung, was unsere große Schwester Karin derweil tat. Sie wurde von uns "Kleinen" kaum bemerkt. Von Henner, unserem Nachbarssohn und Sohn von Onkel Adolf, hatte Fritz mal zwei wunderschöne holzgeschnitzte Ochsen eingepackt und mit nach Hause genommen (Henner hatte doch mehrere!). Fritz musste die Ochsen dann unter Entschuldigungen zurückbringen und wurde von Henners Mutter, Tante Inga, empfangen und freundlich mit Tee bewirtet. Viele Vettern und Kusinen, mit denen wir unsere und deren Geburtstage begingen, waren uns nahe. Mit Fritz teile ich die Erfahrungen der frühen Kindheit in Schlesien, die Erfahrungen des Trecks mit Pferd und Wagen aus Schlesien bis nach Mittelfranken, die Nachkriegszeit auf dem Waldhof und die Schulzeit in Scheinfeld. Seit vielen Jahren lebt er in USA, aber noch immer sind wir uns gleich nahe.

Ich war die Jüngste der drei Geschwister. Es betrübt mich, daß ich nicht viele Erinnerungen aus meiner Kindheit vor dem Lebensalter von 8 Jahren habe. Mit acht habe ich den Treck erlebt, den Verlust des Zuhauses in Schlesien und die Nachkriegszeit auf unserem Bauernhof in Mittelfranken. Und davor?

Das Portrait über meinem Schreibtisch zeigt ein Kind mit Zöpfen in duftigem, von meiner Mutter gefertigten Smock-Kleidchen; ein Lächeln war mir von dem Portraitisten kaum abzugewinnen. Überhaupt: ich muß eigenwillig gewesen sein. Ich liebte Tiere und fühlte mich von Tieren mehr als von Erwachsenen verstanden. Mit 6 Jahren hatte ich Lungenentzündung. Unser Kinderarzt war Homöopath. Als sich nach 6 Wochen Bettruhe (schrecklich! schrecklich!) noch keine Besserung zeigte, wechselte meine Mutter den Arzt. Eine andere Behandlung erfolgte, und danach wurde ich mit einer Tante ins Riesengebirge auf die "Kleine Teichbaude" verschickt. Einmal wanderten wir zusammen auf dem Kamm bis zur höchsten Erhebung des Riesengebirges, der Schneekoppe. Dort war es winterlich, während "unten" an der kleinen Teichbaude Sommer-Gebirgsblumen blühten. Als die Nachricht von unserer Unternehmung nach Plohe kam, war man entsetzt, was man mit dem zarten Kind angestellt hatte. (ich bin glücklich heutzutage, daß ich dieses damals noch deutsche Gebirge noch kennengelernt habe!).

Als ich nach Hause nach Plohe kam, hatten mir meine Geschwister eine "Bude" in den Büschen des Parks gebaut. "Willkommen zur verzuckerten Himbeere" stand über dem Eingang dieser im Himbeergebüsch verborgenen, von Ranken umschlossenen Höhle. Für das meiste, das meine Geschwister "durften", z.B. die Ski- und Rodelferien mit dem "Hörnerschlitten" im Riesengebirge, war ich immer "zu klein", aber beim "Leben" in den Buden - eine davon war eine Baumbude hoch oben auf einem Baum, eine war unterirdisch - war ich immer mit dabei. Die unterirdische Bude hatte mein Vater für uns ausheben lassen. Sie hatte eine Decke, die begrünt war, sodaß man sie kaum entdecken konnte. Ich glaube, das war Tante Ellens Idee - eine schon betagte, aber im Wesen ganz junge Großtante, die aus Hundehaaren Mützen für uns strickte, aus Holunderzweigen Flöten schnitzte und voller Ideen steckte. Von dem Erfindungsreichtum der Tante Ellen zeugt zum Beispiel, daß sie sich in ihrem Haus in Potsdam beim Einzug der Russen 1945 mit schwarz verschmiertem Gesicht mit einem Spinnrad in den Eingang des Hauses setzte und den eindringenden Russen sagte, alle Bewohner des Hauses hätten Typhus. Damit schützte sie die bei ihr lebenden Frauen vor dem, was sonst den Frauen bevorstand.

Und sonst? Ich ging kurz (d.h. bis Dezember 1944) zur Grundschule im Nachbardorf: acht Jahrgänge zusammen unter dem gestrengen Lehrer Friebel lernten dort in einem Klassenzimmer. Am Nachmittag ging ich zu meiner Freundin Erika, Landarbeitertochter unseres Gutes. (Dieser Freundschaft verdanke ich, daß ich schlesisch sprechen konnte und heute noch kann). In den haushohen Bergen, zu denen im Herbst die Zuckerrüben aufgetürmt waren, gruben alle Kinder rundum -  und es waren viele - begehbare Gänge und Aushöhlungen. Das war streng verboten wegen der Einsturzgefahr der nachrutschenden Zuckerrüben und überhaupt.

Auf dem Gut waren eine Stellmacherei mit dem Stellmacher Karrasch, eine Schmiede und andere Handwerksbetriebe. (Karrasch war auch unser Kutscher und bediente bei Gastlichkeiten mit weißen Handschuhen bei Tisch). Da war die Brennerei, wo aus Pfefferminze  Pfefferminzessenz hergestellt wurde (unter Anderem für die "Pfefferminzkichla") und die "Darre", in der Kräuter getrocknet wurden. Mein Vater hatte sie entwickelt, denn er erkundete schon damals die Möglichkeiten des Heilkräuteranbaus und ihrer Anwendung. Dann waren da die Ställe: Kuhstall und Pferdestall für die Arbeits(Kaltblut)pferde. Auf einem Foto sind 30 Pferdegespanne mit je einem Pferdejungen abgebildet.  Die Warm- und Vollblut- und Araberpferde, d.h. die Reit- und Kutschpferde, hatten einen anderen Stall, nahe an unserem Haus, dem "Alten Schloss" im Gegensatz zum "Neuen Schloss", ca. 1910 von meinem Großvater erbaut, in dem meine Großmutter lebte.

Die "große Oma" (sie war recht umfangreich, im Gegensatz zur “kleinen Oma”, der Großmutter mütterlicherseits) war sehr beliebt. Fühlten wir uns zu Hause unverstanden, gingen wir rüber zur Großmutter. Dort wurden wir verwöhnt, wie Großmütter das eben tun. Ich erinnere mich an sie in ihrem Salon an der Südseite des Hauses sitzen und an ihren wunderschönen Schattenstich-Stickereien arbeiten. Wenn wir kamen, spielten wir Schweineschlachten mit ihr und schlitzten ihr, die auf dem Teppich lag und quieckste, im Spiel den Bauch auf. Danach gab es vermutlich Tee und Plätzchen.

Woran ich mich noch erinnere, war ein Zirkusbesuch in Breslau und eine Übernachtung im Nordhotel. Letzteres hatte ich mir zu meinem letzten Geburtstag in Schlesien gewünscht. Meine Mutter und ich gingen einkaufen in der Schweidnitzer Straße. Möglicherweise stammte meine Käthe-Kruse-Puppe von dort. So ist mir doch wenigstens ein bißchen von Breslau in Erinnerung. Der Zirkus Busch war ein großes Erlebnis. Kätzchen saßen in kleinen Körben und wurden in einer Schaukel bewegt, und Pudel sprangen über sie und zeigten ihre Kunststücke. (Nie wieder habe ich später Katzen im Zirkus gesehen). Ponies hatten einen wunderbaren Kopfputz, der nickte und wippte. Ein Pony wurde nachher zum Verkauf angeboten. Mein Vater kaufte Harry für uns Kinder als Reitpferd. Es war ziemlich eigenwillig, konnte aber zu unserem Entzücken auf den Hinterbeinen stehen und erschien gelegentlich, die Flügeltüren aufstoßend, in unserer Küche, wo es natürlich etwas Eßbares erhielt. Einmal hatte der Förster eine Fähe (eine Füchsin) erschossen. In ihrer Höhle waren 6 junge Füchslein. Er brachte sie uns, was uns eine Fahrt nach Breslau in den Zoo einbrachte, wo wir sie abgaben. Fahrten dieser Art geschahen mit Pferd und Wagen. Autos waren als kriegsnotwendig eingezogen worden.

Dann kam bald das letzte Weihnachtsfest in Schlesien 1944 und der Aufbruch im Januar 1945. Darüber habe ich schon berichtet.

Marina von Halem


Links:

Januarerinnerungen: Die Flucht aus Schlesien (Marina v. Halem): http://zeilitzheim.blogspot.de/2012/01/januarerinnerungen-die-flucht-aus.html

Hofgut Plohe (Kreis Strehlen, Schlesien): http://www.richthofen.de/allgemein/historisches/haeuser-und-orte/plohe.html

Marina von richthofen