Donnerstag, 6. Dezember 2012

Mein Bruder Fritz und ich

Kindheitserinnerungen von Marina von Halem

Drei Ölgemälde, gemalt im Kriegsjahr 1944, befinden sich in meinem Besitz. Es sind die Kinderportraits meiner beiden Geschwister und mir. Sie sind mir sehr lieb und sehr wertvoll aus  verschiedenen Gründen. Einer ist, daß das Ölbild meiner Schwester Karin, geboren 1932 und gemalt von dem Berliner Maler Höhl, von meiner Mutter vor der Flucht aus Schlesien im Januar 1945 aus dem Rahmen genommen und mit auf den Treck genommen wurde. Die beiden Portraits von meinem Bruder Fritz und mir, gemalt auf Holz, ließ sie aus Gründen des Gewichts und des Umfangs in Plohe, unserem Heimatort in Schlesien, zurück. Sie wurden uns 1947, nach der Vertreibung der Deutschen durch die Polen, von unserer ehemaligen Köchin Marthel mit  den wenigen Dingen, die sie mitnehmen durfte, als etwas Wertvolles (was sie für uns waren), nach Westdeutschland gebracht.

A. Höhl, ein Berliner Maler, war vor den Bombardierungen auf Berlin 1944 zu uns nach Schlesien gekommen und von meinen Eltern beauftragt, meine älteste Schwester zu malen. Aus Dankbarkeit, daß er wohl aufgenommen war, malte er danach noch meinen Bruder und mich. Ich erinnere mich ziemlich genau an ihn. Kein Wunder: man mußte ihm Modell sitzen (unendlilch lange, wie ich als siebenjährige empfand), aber in der Zeit erzählte er wunderbare Geschichten. Von Zigeunern in ihren Zigeunerwagen; daß sie in Lehm eingepackte Igel im Holzkohlenfeuer backten und aßen und nicht seßhaft waren wie wir und nicht gerne feste Arbeiten übernahmen und gelegentlich Hühner und kleinere Gegenstände mitnahmen, und daß sie wunderbar Geige spielten und mit Pferden umgehen konnten, und so vieles mehr.

Über meinem Schreibtisch hier in Zeilitzheim hängen die beiden Portraits von Fritz und mir. Bis zum Tod meiner Mutter waren sie natürlich in ihrer Wohnung. Ich liebe die schönen, braunen, verträumten Augen meines damals neunjährigen Bruders, den ich innig liebe und mit dem ich mich als Kind herzzerreißend gestritten habe - wie gute Geschwister eben. Hatte er mich massakriert und ich heulte wie am Spieß, bekniete er mich; "Heul doch nicht! Heul doch nicht!", wohl wissend, dass die Jüngere, Heulende meist alles Mitleid (und er die Schimpfe) der Erwachsenen bekam. Wir teilten ein Kinderzimmer. Am Samstag wurde gebadet und es gab Grießbrei im Kinderzimmer, wenn Gäste erwartet wurden. Onkel Adolf Rohde, immer unter den Gästen, versäumte nie, zu uns ins Kinderzimmer zu Besuch zu kommen. Keine Ahnung, was unsere große Schwester Karin derweil tat. Sie wurde von uns "Kleinen" kaum bemerkt. Von Henner, unserem Nachbarssohn und Sohn von Onkel Adolf, hatte Fritz mal zwei wunderschöne holzgeschnitzte Ochsen eingepackt und mit nach Hause genommen (Henner hatte doch mehrere!). Fritz musste die Ochsen dann unter Entschuldigungen zurückbringen und wurde von Henners Mutter, Tante Inga, empfangen und freundlich mit Tee bewirtet. Viele Vettern und Kusinen, mit denen wir unsere und deren Geburtstage begingen, waren uns nahe. Mit Fritz teile ich die Erfahrungen der frühen Kindheit in Schlesien, die Erfahrungen des Trecks mit Pferd und Wagen aus Schlesien bis nach Mittelfranken, die Nachkriegszeit auf dem Waldhof und die Schulzeit in Scheinfeld. Seit vielen Jahren lebt er in USA, aber noch immer sind wir uns gleich nahe.

Ich war die Jüngste der drei Geschwister. Es betrübt mich, daß ich nicht viele Erinnerungen aus meiner Kindheit vor dem Lebensalter von 8 Jahren habe. Mit acht habe ich den Treck erlebt, den Verlust des Zuhauses in Schlesien und die Nachkriegszeit auf unserem Bauernhof in Mittelfranken. Und davor?

Das Portrait über meinem Schreibtisch zeigt ein Kind mit Zöpfen in duftigem, von meiner Mutter gefertigten Smock-Kleidchen; ein Lächeln war mir von dem Portraitisten kaum abzugewinnen. Überhaupt: ich muß eigenwillig gewesen sein. Ich liebte Tiere und fühlte mich von Tieren mehr als von Erwachsenen verstanden. Mit 6 Jahren hatte ich Lungenentzündung. Unser Kinderarzt war Homöopath. Als sich nach 6 Wochen Bettruhe (schrecklich! schrecklich!) noch keine Besserung zeigte, wechselte meine Mutter den Arzt. Eine andere Behandlung erfolgte, und danach wurde ich mit einer Tante ins Riesengebirge auf die "Kleine Teichbaude" verschickt. Einmal wanderten wir zusammen auf dem Kamm bis zur höchsten Erhebung des Riesengebirges, der Schneekoppe. Dort war es winterlich, während "unten" an der kleinen Teichbaude Sommer-Gebirgsblumen blühten. Als die Nachricht von unserer Unternehmung nach Plohe kam, war man entsetzt, was man mit dem zarten Kind angestellt hatte. (ich bin glücklich heutzutage, daß ich dieses damals noch deutsche Gebirge noch kennengelernt habe!).

Als ich nach Hause nach Plohe kam, hatten mir meine Geschwister eine "Bude" in den Büschen des Parks gebaut. "Willkommen zur verzuckerten Himbeere" stand über dem Eingang dieser im Himbeergebüsch verborgenen, von Ranken umschlossenen Höhle. Für das meiste, das meine Geschwister "durften", z.B. die Ski- und Rodelferien mit dem "Hörnerschlitten" im Riesengebirge, war ich immer "zu klein", aber beim "Leben" in den Buden - eine davon war eine Baumbude hoch oben auf einem Baum, eine war unterirdisch - war ich immer mit dabei. Die unterirdische Bude hatte mein Vater für uns ausheben lassen. Sie hatte eine Decke, die begrünt war, sodaß man sie kaum entdecken konnte. Ich glaube, das war Tante Ellens Idee - eine schon betagte, aber im Wesen ganz junge Großtante, die aus Hundehaaren Mützen für uns strickte, aus Holunderzweigen Flöten schnitzte und voller Ideen steckte. Von dem Erfindungsreichtum der Tante Ellen zeugt zum Beispiel, daß sie sich in ihrem Haus in Potsdam beim Einzug der Russen 1945 mit schwarz verschmiertem Gesicht mit einem Spinnrad in den Eingang des Hauses setzte und den eindringenden Russen sagte, alle Bewohner des Hauses hätten Typhus. Damit schützte sie die bei ihr lebenden Frauen vor dem, was sonst den Frauen bevorstand.

Und sonst? Ich ging kurz (d.h. bis Dezember 1944) zur Grundschule im Nachbardorf: acht Jahrgänge zusammen unter dem gestrengen Lehrer Friebel lernten dort in einem Klassenzimmer. Am Nachmittag ging ich zu meiner Freundin Erika, Landarbeitertochter unseres Gutes. (Dieser Freundschaft verdanke ich, daß ich schlesisch sprechen konnte und heute noch kann). In den haushohen Bergen, zu denen im Herbst die Zuckerrüben aufgetürmt waren, gruben alle Kinder rundum -  und es waren viele - begehbare Gänge und Aushöhlungen. Das war streng verboten wegen der Einsturzgefahr der nachrutschenden Zuckerrüben und überhaupt.

Auf dem Gut waren eine Stellmacherei mit dem Stellmacher Karrasch, eine Schmiede und andere Handwerksbetriebe. (Karrasch war auch unser Kutscher und bediente bei Gastlichkeiten mit weißen Handschuhen bei Tisch). Da war die Brennerei, wo aus Pfefferminze  Pfefferminzessenz hergestellt wurde (unter Anderem für die "Pfefferminzkichla") und die "Darre", in der Kräuter getrocknet wurden. Mein Vater hatte sie entwickelt, denn er erkundete schon damals die Möglichkeiten des Heilkräuteranbaus und ihrer Anwendung. Dann waren da die Ställe: Kuhstall und Pferdestall für die Arbeits(Kaltblut)pferde. Auf einem Foto sind 30 Pferdegespanne mit je einem Pferdejungen abgebildet.  Die Warm- und Vollblut- und Araberpferde, d.h. die Reit- und Kutschpferde, hatten einen anderen Stall, nahe an unserem Haus, dem "Alten Schloss" im Gegensatz zum "Neuen Schloss", ca. 1910 von meinem Großvater erbaut, in dem meine Großmutter lebte.

Die "große Oma" (sie war recht umfangreich, im Gegensatz zur “kleinen Oma”, der Großmutter mütterlicherseits) war sehr beliebt. Fühlten wir uns zu Hause unverstanden, gingen wir rüber zur Großmutter. Dort wurden wir verwöhnt, wie Großmütter das eben tun. Ich erinnere mich an sie in ihrem Salon an der Südseite des Hauses sitzen und an ihren wunderschönen Schattenstich-Stickereien arbeiten. Wenn wir kamen, spielten wir Schweineschlachten mit ihr und schlitzten ihr, die auf dem Teppich lag und quieckste, im Spiel den Bauch auf. Danach gab es vermutlich Tee und Plätzchen.

Woran ich mich noch erinnere, war ein Zirkusbesuch in Breslau und eine Übernachtung im Nordhotel. Letzteres hatte ich mir zu meinem letzten Geburtstag in Schlesien gewünscht. Meine Mutter und ich gingen einkaufen in der Schweidnitzer Straße. Möglicherweise stammte meine Käthe-Kruse-Puppe von dort. So ist mir doch wenigstens ein bißchen von Breslau in Erinnerung. Der Zirkus Busch war ein großes Erlebnis. Kätzchen saßen in kleinen Körben und wurden in einer Schaukel bewegt, und Pudel sprangen über sie und zeigten ihre Kunststücke. (Nie wieder habe ich später Katzen im Zirkus gesehen). Ponies hatten einen wunderbaren Kopfputz, der nickte und wippte. Ein Pony wurde nachher zum Verkauf angeboten. Mein Vater kaufte Harry für uns Kinder als Reitpferd. Es war ziemlich eigenwillig, konnte aber zu unserem Entzücken auf den Hinterbeinen stehen und erschien gelegentlich, die Flügeltüren aufstoßend, in unserer Küche, wo es natürlich etwas Eßbares erhielt. Einmal hatte der Förster eine Fähe (eine Füchsin) erschossen. In ihrer Höhle waren 6 junge Füchslein. Er brachte sie uns, was uns eine Fahrt nach Breslau in den Zoo einbrachte, wo wir sie abgaben. Fahrten dieser Art geschahen mit Pferd und Wagen. Autos waren als kriegsnotwendig eingezogen worden.

Dann kam bald das letzte Weihnachtsfest in Schlesien 1944 und der Aufbruch im Januar 1945. Darüber habe ich schon berichtet.

Marina von Halem


Links:

Januarerinnerungen: Die Flucht aus Schlesien (Marina v. Halem): http://zeilitzheim.blogspot.de/2012/01/januarerinnerungen-die-flucht-aus.html

Hofgut Plohe (Kreis Strehlen, Schlesien): http://www.richthofen.de/allgemein/historisches/haeuser-und-orte/plohe.html

Marina von richthofen