Montag, 23. Januar 2012

Januarerinnerungen: Die Flucht aus Schlesien

Beitrag von Marina von Halem

Der Januar ist ein schicksalsschwerer Monat in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Am 27. Januar 1945 wurden die Gefangenen des Konzentrationslagers in Auschwitz befreit.

Auch für meine Familie und mich war der Januar 1945 mit Kummer und Not verbunden.

Am 27. Januar 1945 verließen wir unsere Heimat in Niederschlesien. Die Heimat verlassen, das bedeutete nicht einfach Umziehen. Es bedeutete sein Hab und Gut, Haus und Hof, die Tiere und Alles unwiederbringlich zu verlassen. Menschen haben das oft tun müssen und sich oft lebenslang nach der alten Heimat gesehnt. Meist aus Hungersnot, oder als Opfer der unzähligen Vertreibungen.

Im Januar 1945 ahnte man schon, daß es böse ausgehen würde. Wir, Eltern und Kinder standen abends am Fenster und sahen die Bomber in der Nacht gen Dresden fliegen. Sie vernichteten mit Brandbomben diese Stadt und alles, was in ihr lebte, zu 90%. Kann man sich wirklich vorstellen, was das bedeutete? Schon zu Weihnachten waren Flüchtlingstrecks aus dem deutschen Osten durch Schlesien gezogen. Noch nie war die Christnacht in der Kirche in Großburg so voller Menschen. "Gott ist unsre Zuversicht"...

Auf unserem Gut in Plohe wurde gepackt. Mein Vater stattete Wagen aus, die ein Verdeck bekamen. Mit ihnen würden wir den Treck im kalten Winter antreten. Viele Abende vergingen für ihn, den Landarbeitern auf dem Gut zu erklären, wie er die nächste Zukunft sah und sie ermutigte, mit uns zu ziehen. Sie taten es auch, aber nur für einen Tag und eine Nacht.

Also, am 27. Januar abends ging es los. Auch ich hatte ein Köfferchen gepackt mit meinen zwei Lieblingspuppen und den Kleidchen für sie, die meine Mutter genäht hatte und die ich gerade zu Weihnachten bekommen hatte. Ich war acht Jahre alt, hatte lange, dunkelblonde Zöpfe und war lang und schlaksig. Ich weiß nicht, wie viele Wagen sich vom Hof aus in Bewegung setzten: Ein Wagen für Pferdefutter, einer für Nahrungsmittel und Gegenstände, die man meinte retten zu müssen, einer für alle Kinder (mit den Kindern der drei Nachbarsfamilien waren wir sechzehn) und der Großmutter Richthofen. Der Fahrer unseres Wagens war Janek, ein Polenjunge. Auf Berge waren unsere Wagen nicht eingerichtet. Der Ruf der Großmutter: "Janek, die Bremse!" wurde, da er allzu oft erklang, von uns Kindern bösartigerweise nachgeäfft. Meine Mutter fuhr auch einen Wagen. Oft liefen auch mein Vater und meine Mutter neben den Wagen her. Nachts war mein Vater oft mit einem Reitpferd weg, um Nahrungsmittel zu organisieren. Einmal kam er mit einem Ochsen zurück, den er erschossen hatte.

Für die Unterbringung der ersten Nacht war meine Mutter, durch die Not couragiert, in die Kirche eines Dorfe gestürmt, durch das wir kamen, und erbat dort unser Nachtlager. 20 - 30 Menschen waren wir wohl, die dort auf Stroh nächtigten. Wo die Pferde untergebracht wurden, weiß ich nicht - der Pastor wollte sie nicht in der Kirche haben. Und die Leute des Hofes - die kehrten am nächsten Tag um. So elend hatten sie sich Treck nicht vorgestellt. (Sie verloren ihre Heimat später, sie wurden von den Polen vertrieben, denen man Ostpolen genommen und dafür Schlesien überantwortet hatte).

So ging es Tag für Tag und Nacht für Nacht. Wir zogen durch das Sudentenland, die Berge machten unseren Pferden sehr zu schaffen. Die Bevölkerung war noch da. Von den Bauern wurden wir liebevoll über Nacht untergebracht. In einer warmen Küche wurden wir Kinder in einer Wanne geschrubbt, es gab satt zu essen, und wir schliefen unter dicken Federbetten. Wir erreichten die Elbe und die Brücke, kurz bevor sie von deutschen Einheiten gesprengt wurde.

Was für mich das Schlimmste war? Daß unsere Jagdhündin Donna, die wir mitgenommen hatten, wieder nach Plohe zurückgelaufen war. Daß ich nicht wußte, was wohl mit den anderen Jagdhunden geschehen war. Und ob die Kühe irgendwie überleben konnten. Viele sahen wir ungemolken, mit prallen Eutern, auf verschneiten Feldern brüllen.

Im Frühjahr waren wir in der Oberpfalz angekommen, wo eine Tante lebte. Dort fanden wir Unterschlupf, bis sich das weitere Schicksal klären würde. Es war natürlich von entscheidender Wichtigkeit, ob die amerikanische oder die russische Armee in diesem Gebiet einrücken würde. Es waren die Amerikaner. Wir hatten überlebt, man suchte - mit Hilfe des Roten Kreuzes - nach Verwandten und Freunden, wartete auf Soldaten aus dem Feld.

Es begann ein neues Kapitel - die Nachkriegszeit.

stammbaum familie von richthofen