Dienstag, 18. Januar 2011

An jeder Ecke eine Geschichte

Kultur lebendig werden lassen mit Geschichte(n)



Das Thema Storytelling beschäftigt mich ja schon länger. Seit Jahren versuche ich vor allem meine KollegInnen in Gastronomie und Hotellerie davon zu überzeugen auch online Geschichten zu erzählen, zum Beispiel in Blogs. Denn gerade Gastgeber haben doch so viele spannende, lustige und nachdenkliche Geschichten zu erzählen. Ein Wirtshaus ohne erzählenden Wirt ist schließlich nur ein halbes Wirtshaus. Und wenn ein Wirt am Gasttisch erzählen kann, warum nicht auch im Netz?

Und jetzt ist das Thema Storytelling überall zu finden. Während des InnovationCamp im Bayerischen Wald erhielt ich eine Einladung zu einem Storytelling Abend, an dem ich leider nicht teilnehmen kann, weil just an diesem Tag unser Regionalpodcast Schweinfurt und so mit Interviewpartner CityKirchenpfarrer Heiko Kuschel aufgezeichnet wird. Auf dieses Gespräch freue ich mich nämlich auch schon lange.

Und gestern flatterte mir die Einladung zum diesjährigen Unterfränkischen Netzwerktag für (Anbieter) erlebnisorientierter Angebote (ErlA-Tag), ins Haus. Thema: "Erzähl mir was!" - Seminar zum freien mündlichen Erzählen mit Dr. Norbert J. Kober von der Goldmund Erzählakademie.

Auch die diesjährige stARTconference in Duisburg wird sich mit der Kunst des digitalen Erzählens, insbesondere mit transmedia storytelling beschäftigen.

Manchmal ist es so, dass einem Themen nur deswegen verstärkt auffallen, weil man sich damit beschäftigt. In diesem Fall glaube ich jedoch, dass das Thema "Geschichten Erzählen" wirklich an Bedeutung gewinnt, weil es uns im Wesen trifft. Das Thema ist keineswegs neu, aber wir Menschen finden - vielleicht aufgrund der immer größer werdenden Flut an oberflächlichen Informationen - nun wieder Zugang zu diesem Medium, das uns zu berühren und bewegen vermag. Geschichten erlauben einen direkten Zugang zu persönlichen Erfahrungswelten. Durch Geschichten begreifen wir emotional, was uns vermittelt wird. Auch das Erzählen von Geschichten bereitet Freude.

Durch Geschichten und Anekdoten werden Sachverhalte und Informationen lebendig. Ein Beispiel: Am 5. März findet bei uns ein Konzert des Duos Christian Mattick (Flöte) und Mathias Huth (Klavier) statt. Sie spielen Werke von Beethoven, Mozart und Schubert. In unserem gedruckten Jahresprogramm und der online Version auf unserer Internetseite liest sich das so: "Christian Mattick, Flöte, und Mathias Huth, Klavier, vom Bayerischen Kammerorchester Bad Brückenau spielen Beethoven: Serenade D-Dur op. 8, Mozart: Sonate für Klavier und Violine A- Dur KV 526, Mozart: Andante C-Dur KV 315 und Rondo D-Dur KV Anh. 184, Schubert: Introduktion, Thema und Variationen über das Lied "Trockne Blumen" D 802." Spannend, nicht? Interessant wird das alles aber, wenn wir ein wenig tiefer gehen und die Geschichten, die hinter diesen Informationen stehen, enthüllen, wenn wir tiefer graben und diese Geschichten erzählen.

Nehmen wir mal Schuberts Variationen über das Lied "Trockne Blumen". Es ist ein Lied aus dem Zyklus "Die schöne Müllerin", den Schubert im November 1823 fertig schrieb. Warum hat sich Schubert ausgerechnet dem 18. Lied aus diesem Zyklus näher gewidmet? Es handelt sich um Variationen des Liedes für Flöte und Klavier, weshalb wir es nun vom Duo Mattick & Huth hören werden. Er schrieb es wohl für oder in Gedanken an seinen Freund, dem Flötisten Ferdinand Bogner (Quelle). Die Variationen wurden aber nicht zu Schuberts Lebzeiten veröffentlicht und wohl auch nicht aufgeführt. Wenn wir dieses Werk hören, verändert sich unsere Auffassung, wenn wir uns vor Augen führen, dass Schubert seit 1822 wegen Syphyllis behandelt wurde mit Quecksilber, das ihn sicherlich auch vergiftet hat und er 1828 im jungen Alter von 31 starb? Hören oder sehen wir diese Musik anders, weil wir wissen, dass sie erst posthum veröffentlicht wurde? Können wir in den Variationen des Liedes, das hier mit Flöte und Klavier statt mit Gesang und Klavier zum Ausdruck gebracht wird, den Liedtext von Wilhelm Müller erahnen? "Ihr Blümlein alle, Die sie mir gab, Euch soll man legen mit mir ins Grab...".

Es ließen sich noch viele Geschichten über Schubert, diesen Liedzyklus und über die anderen Komponisten und Werke, die am 5. März bei uns aufgeführt werden, erzählen. Verbunden mit Bildern, die dadurch im Kopf entstehen, oder Bildern, die wir dazu reichen, werden diese lebendig. Ich habe begonnen, diese in einer storify Geschichte, die später hier im Blog eingebettet wird, zu sammeln.

Hier zwei Fassungen des Liedes, einmal aus der "schönen Müllerin" und einmal in der Variation für Flöte (Teil 1):